Die Geschichte des Chores Schaumburger Märchensänger

Die Gründerjahre: 1948 bis 1950

Kurz nach dem 2. Weltkrieg, als Deutschland noch weitgehend in Trümmern lag, der Wiederaufbau aber bereits in vollem Gange war, beginnt die Geschichte der Schaumburger Märchensänger. Sie mutet an wie ein Märchen, ist jedoch Wirklichkeit.

Vermutlich im Sommer 1947 bekam Edith Möller den Auftrag, sich in Obernkirchen, damals Teil der Grafschaft Schaumburg (Niedersachsen), um die vielen Flüchtlingskinder zu kümmern. Seit den Evakuierungsmaßnahmen 1943/44, aber vor allem durch den stetigen Flüchtlingsstrom aus dem Osten, lebten in und um das Bergstädtchen sehr viele entwurzelte Familien. Auch Erna Pielsticker zog es nach Obernkirchen, und sie bekam durch des Jugendamt und (wahrscheinlich) die Polizei den Auftrag, die Unterbringung und Lebensverhältnisse der Flüchtlingsfamilien in der Grafschaft zu kontrollieren.

Sommer 1949, bevor es eine einheitliche Chorkleidung gab - Foto: Archiv Wicklein

Beides schwierige Aufgaben: Edith Möller musste zusätzlich zu ihrer Arbeit die seelischen Belastungen und Verletzungen der Flüchtlingskinder kompensieren und ihnen Mut für ihr Leben und ihre Zukunft zusprechen. Was lag für die erfahrene Sozialpädagogin also näher, als die Kinder mit gemeinsamen Unternehmungen, Spiel, Spaß und Singen zu beschäftigen? Hatte sie doch schon vielfältige Erfahrungen mit dem Chorsingen und wusste von seiner heilenden Wirkung. Schnell fand sie den richtigen Weg und bald war ganz Obernkirchen von Gesang erfüllt, von unten im Tal bis hoch auf den Berg. Ihr Bruder Friedrich Wilhelm, Musiker und Komponist, kam aus der Gefangenschaft nach Obernkirchen, nachdem seine Familie 1944 aus Gelsenkirchen evakuiert worden war. Bald texteten und komponierten die Geschwister neue Lieder, zumal damals noch die meisten deutschen Volkslieder unerwünscht waren. Erna Pielsticker kümmerte sich neben ihrer beruflichen Arbeit zunehmend um die Organisation.

Im Herbst 1948 wurde der Obernkirchener Kinderchor von Edith Möller und Erna Pielsticker formal gegründet. Wie dieser Gründungsakt ablief, ist nicht ganz klar, aber offensichtlich war das Jugendamt involviert – und selbstverständlich die englische Militärregierung. Berichten zufolge fand die Gründung in einer Privatwohnung von unterstützenden Eltern kurz vor einer Chorprobe statt.

Noch im Herbst 1948 und vor allem in der Weihnachtszeit trat dieser Chor unter seinem neuen Namen hier und da auf. Die weiteste Reise soll bis ins fünf Kilometer entfernte Bückeburg geführt haben, vermutlich zu einem Adventssingen im dortigen Krankenhaus. Das erste offizielle und öffentlich beworbene Konzert fand am 24. März 1949 im Kinosaal von Obernkirchen statt. Der Eintritt betrug 50 Pfennige. Der Chor wurde dabei von Friedrich Wilhelm Möller mit Gitarre und von Friederich Lindemeier, dem späteren Ortsbürgermeister von Gelldorf/Obernkirchen, auf dem Kontrabass begleitet.

Das erste Konzert der Schaumburger Märchensänger - Foto: Archiv Wicklein

Zur Uraufführung der ersten Märchenoper „Die Bremer Stadtmusikanten“ (Text: Edith Möller, Musik: Friedrich Wilhelm Möller) hatte sich der Chor einen neuen Namen gegeben: Obernkirchener Stadtmusikanten.

Die Wirkung dieses Konzertes bescherte dem Chor weitere größere Auftritte rund um Obernkirchen. Sogar der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) wurde auf diese aufgeweckte Sängerschar aufmerksam und nahm den Chor am 4. Juni 1950 im Sonnenbrink von Obernkirchen auf. Der ganze Ort stand Kopf! Neben dem Singen und den Fahrten zu den Auftritten und Konzerten wurden immer mehr Ausflüge unternommen: Wanderungen auf den Bückeberg, Fahrradtouren nach Schloss Baum im Schaumburger Wald, Zelten im Schneegrund und Ausflüge zum Hohenstein (beides bei Hessisch-Oldendorf) – heute nichts Weltbewegendes, doch damals ungeheuer aufwändig.

6. April 1950: Die erste Rundfunkaufnahme der Schaumburger Märchensänger - damals Obernkirchener Stadtmusikanten - Foto: Archiv Wicklein

Dann geschah das „Wunder von Obernkirchen“. Die englische Militärregierung schickte in einer Art Goodwill-Aktion den Ipswicher Mädchenchor Ipswich Society’s Junior Choir auf eine Norddeutschlandreise. In einigen Städten von Aachen bis Hamburg konzertierten die Mädchen jeweils gemeinsam mit einem deutschen Gastgeberchor.

In Hannover gab es allerdings keinen Partnerchor, und so wurde kurzerhand der noch kaum bekannte Kinderchor aus Obernkirchen engagiert, um die Patenschaft zu übernehmen. Die Aufregung war groß! Die Obernkirchener Stadtmusikanten änderten ihren Namen in „Schaumburger Märchensänger“ und die Eltern nähten – in Anlehnung an die Schaumburger Tracht – die längst erforderliche Chorkleidung. Am 27. August fand in Hannover im Beethovensaal das gemeinsame Konzert statt und wurde einen Tag später im Deutschen Haus in Obernkirchen wiederholt.

Sommer 1950, in der neuen Chorkleidung - Foto: Archiv Wicklein

Danach nahm das „Wunder von Obernkirchen“ seinen Lauf: Aus allen deutschen Partnerchören wurden die Schaumburger Märchensänger gewählt und zum Gegenbesuch nach Ipswich eingeladen. Heute ist die Bedeutung dieser damals zaghaften Völkerverständigung kaum nachvollziehbar. Der Chor reiste als eine der ersten deutschen Jugendgruppen ins Ausland, in ein Land ehemaliger Kriegsgegner! So fuhren am 26. Oktober 1950 über 40 Kinder im Alter von 7 bis 15 Jahren für zwei Wochen nach Ipswich/England und gaben dort sowie in Felixstowe, London und Cambridge insgesamt acht Konzerte. Der Erfolg war riesengroß, die englische Presse und das Radio überschlugen sich vor Begeisterung.

28. Sept. 1950: Empfang beim Bürgermeister der Stadt Ipswich, Grafschaft Suffolk in East Anglia/England - Foto: Archiv Wicklein