Edith Möller

Der faszinierende Lebensweg von Edith Möller ist geprägt von ihrer hervorragenden Lebensleistung und märchenhaften Erfolgen, die weltweit ihresgleichen suchen. Als Gründerin und langjährige Leiterin der Schaumburger Märchensänger hat sie den Chor an die musikalische Weltspitze gebracht, wo er sich über 20 Jahre lang behaupten konnte. Und das ohne „Tradition“, aus eigener Kraft und Genialität, durch ihre Natürlichkeit und Fröhlichkeit, ihr soziales Engagement und dank ihrer überzeugenden musikalischen Begabung.

Edith Möller wurde am 7. Oktober 1916 als zweites Kind in Gelsenkirchen geboren. Die Mutter Anna, geb. Wehling, stammte aus Minden/Westfalen, der Vater, Wilhelm Möller, aus dem Schaumburger Land. Mit sechs Jahren besuchte Edith Möller die Grundschule in Schalke, danach die heutige Gertrud Bäumer Realschule (damals noch ein Lyzeum) und seit 1926 die Schalker Mädchen-Mittelschule. Später wechselte sie auf das Gelsenkirchener Gymnasium.

Schnell wurde deutlich, dass sie und auch ihr Bruder Friedrich Wilhelm musikalisch hoch begabt waren. So organisierte Edith schon sehr früh Theateraufführungen und gründete einen kleinen Singkreis. Sie liebte ihren Lautenkreis, in dem sie viele Jahr musizierte. Daneben war sie in Schulsportgruppen und in einem Sportverein aktiv. So soll Edith Preise beim Speerwerfen und im Hochsprung errungen haben.

Aus finanziellen Gründen konnten nicht beide Geschwister Musik studieren. Es reichte nur für den fünf Jahre älteren Bruder Friedrich Wilhelm. Nachdem Edith der musikalische Weg nicht offen stand, kam ihre soziale Ader zum Zuge und sollte ihren weiteren Lebensweg bestimmen. Im Herbst 1936/37 bewarb sie sich  an der neuen Akademie für soziale Berufe in Gelsenkirchen für ein Studium zur Fürsorgerin. Ihr Ziel war es, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Während ihrer gesamten Ausbildungszeit, bei Praktika und Fachseminaren konnte Edith Möller überall mit namhaften Erfolgen ihre musikalische Begabung einbringen und gründete dort ihren ersten Chor.

Öffentliches Singen in Obernkirchen 1948 kurz nach der Gründung
des Obernkirchener Kinderchores (erster Name),
ab 1949 Obernkirchener Stadtmusikanten und
ab 1950 Schaumburger Märchensänger.
1954 kam als Zweitname Obernkirchen Children’s Choir hinzu.
Foto: Archiv Wicklein

Im April 1941 wurde Edith Möller in einem Kinderheim in Nettelstedt angestellt und übernahm bereits eineinhalb Jahre später die Leitung eines kleinen Kinderheims für Binnenschifffahrtskinder in Bad Nenndorf. Selbstverständlich sang sie mit den Heimkindern und sehr schnell entstand ein Chor. In diesem Kinderheim lernte Edith Möller ihre zukünftige berufliche Partnerin Erna Pielsticker kennen, die als Berufsanwärterin dem Kinderheim zugewiesen worden war. Mit ihrem organisatorischen Talent wurde der Kinderheim-Chor in kurzer Zeit im Umland bekannt und begehrt. Aus dieser Zusammenarbeit erwuchsen bald eine lebenslange Freundschaft und kongeniale Partnerschaft, die die künftige Entwicklung entscheidend beeinflussen sollten.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges zog das Kinderheim nach Hessisch Oldendorf um und wurde 1947 schließlich aufgelöst. Da während des Krieges Edith Möllers Eltern und ihre Schwägerin mit ihren beiden Kindern nach Obernkirchen evakuiert worden waren, lag es nah, dass Edith Möller zusammen mit Erna Pielsticker ebenfalls in Obernkirchen verblieb und sich im Auftrag des Jugendamtes um die vielen Flüchtlingskinder in der Stadt kümmerte. Schnell wurde Edith Möllers Arbeit „musikalischer“: Zur Freude der Bürger kamen immer mehr Kinder zum Singen mit Gitarrenbegleitung zusammen. Da traf es sich gut, dass auch der Bruder Friedrich Wilhelm, der als Musiker des Marinekorps bald aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, ebenfalls nach Obernkirchen zu seiner Familie zog.

Friedrich Wilhelm Möller spielte in Orchestern, trat aber hauptsächlich mit seiner eigenen Band im englischen Militärgebiet auf. Er schrieb Schlager und Tanzmusik und Edith Möller wirkte häufig als Sängerin mit. Auch für die immer aktiver werdende singende Kindergruppe komponierte Friedrich Wilhelm die ersten Lieder auf Ediths Texten. Auf Anraten des Jugendamtes und mit Unterstützung der englischen Militärverwaltung wurde im Herbst 1948 der Chor „Obernkirchener Stadtmusikanten“ gegründet. Am 24. März 1949 fand das erste offiziell beworbene Konzert im Deutschen Haus in Obernkirchen statt. Schnell wurde der Chor bekannt, konzertierte und machte Ausflüge – ein Novum für die damalige Zeit. 1950 nahm der NWDR erstmals die fröhlich auftretende Gruppe auf.

Ediths Bruder komponierte inzwischen umfangreiche Märchenopern auf Texte seiner Schwester, die Choreltern nähten einheitliche Konzertkleidung und der Chor benannte sich 1950 in „Schaumburger Märchensänger“ um. Das Obernkirchener Wunder geschah 1950, als dieser Chor als eine der ersten Kinder- und Jugendgruppen Deutschlands nach dem zweite Weltkrieg für 14 Tage nach England zu einem Partnerchor reiste und in Ipswich, Felixstowe, Cambridge und London konzertierte! Die englische Presse und Radio überschlugen sich!

Doch waren und blieben Arbeit und Erfolge ein wunderschönes und herrliches „Danebenher“. Davon zu leben war nicht möglich, auch wenn in den nächsten zwei Jahren einige mehrtägige Fahrten und Konzerte bis hin nach Köln und jeweils eine 14tägige Freizeitfahrt auf Norderney stattfanden. (Welche Familie konnte sich das damals leisten?) Vor allem der heimliche Wunsch, ein eigenes Heim für Waisenkinder aufzubauen, rückte in immer weitere Ferne. Anfang 1953 war es Edith Möller und Erna Pielsticker – die schon längst die organisatorische Arbeit übernommen hatte – klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Die letzten geplanten Aktionen in diesem Jahr, eine Fahrt Holland und eine zweite Englandreise, sollten noch durchgeführt werden, danach musste die Chorarbeit aus finanziellen Gründen drastisch reduziert werden.

Die „Bremer Stadtmusikanten“,
eine der Märchenkantaten, die zu dem Namen
„Schaumburger Märchensänger“ führten.
Foto: Archiv Wicklein

Der Erfolg der ersten Englandfahrt wurde weit übertroffen. Es gab eine Anzahl von Konzerten in Südost-England und nach zwei Wochen – angeblich auf Veranlassung der englischen Jugendoffiziere – fuhr der Chor weiter zum Llangollen International Musical Eisteddfod in Wales. Die Kinder und Jugendlichen der Schaumburger Märchensänger gewannen nicht nur einen 1. Preis, sondern vor allem auch die Herzen aller Teilnehmer und Besucher, wie der Autor dieses Berichtes 2013, 60 Jahre später auf Einladung des Festivalkomitees folgend,  persönlich erleben durfte. Der bekannte Dichter Dylan Thomas, der 1953 als Moderator durch die Wettbewerbe führte, taufte die Chormädchen „Engel in Zöpfen“. Der Erfolg und die Begeisterung waren unermesslich. Die Reise musste verlängert werden, denn eine Anzahl von spontanen Konzertanfragen u.a. aus Rugby, Birmingham und Coventry waren die Folge.

1953/54 in Obernkirchen: Vertragsunterzeichnung
für die erste professionelle Englandtour.
Bis 1976 folgten weit über 20 meist monatelange Tourneen durch die ganze Welt.
Foto: Archiv Wicklein

Fälschlicherweise wird dieser Wettbewerb immer wieder als der Wendepunkt für die Schaumburger Märchensänger bezeichnet. Zumal dort durch puren Zufall auf einer der vielen Festivalwiesen ein Welthit geboren wurde. BBC zeichnete ein Lied von Friedrich-Wilhelm Möller auf, welches binnen drei Tagen die englischsprachige und später die ganze Welt kannte und liebte: den in deutsch gesungenen Fröhlichen Wanderer! (Mein Vater war ein Wandersmann) Es war der Wendepunkt der Schaumburger Märchensänger, aber Llangollen bewirkte, dass Edith Möller ihren Chor nicht aufgab.

Edith - 1954 von Jim
Foto: Archiv Wicklein

Erna Pielsticker fuhr noch im Herbst 1953 nach London, machte bei der damals wohl bedeutendsten englischen Konzertagentur ihre Aufwartung und schaffte es, einen Vertrag über eine einer 14tägigen Konzerttournee durch England für das Frühjahr 1954 zu erwirken: Die erste Profitournee der Schaumburger Märchensänger! Während dieser Tournee fand jeden Abend ein Konzert einschließlich der Royal Festival Hall in London statt, alle ausverkauft, vormittägliche Studio-, Schallplatten-, Radio- und Fernsehaufnahmen, keine Freizeit, alles per klapprigem Bus – eine Prüfung auf Herz und Nieren. Die Schaumburger Märchensänger – im Englischen unaussprechlich – eroberten England zum dritten Mal im Sturm, diesmal aber auf professioneller Ebene.

Die Chorkinder verkrafteten diese enormen Anstrengungen und extremen Leistungen dank ihrer begeisternden Leitung mit Leichtigkeit. Edith Möllers unvergleichliches Talent, vor allem auf der Bühne den ganzen Chor quasi spielerisch zu Höchstleistungen zu motivieren, war eine Garantie des Erfolges. Ihr Enthusiasmus, ihre Ausstrahlung und Begeisterungsfähigkeit kamen hinzu. Die Chorkinder wären am liebsten immer weiter gereist, nichts wurde zu viel! Und Singen? …. das konnte sowieso nie genug sein.

Edith Möller verausgabte sich auf dieser Tour bis zur Erschöpfung und ohne ihre Partnerin Erna Pielsticker wäre es vielleicht schief gegangen. Das Ziel – der Wendepunkt in der Geschichte der Schaumburger Märchensänger – wurde erreicht. Edith Möller stand mit ihrem Chor im professionellen Lager.

Die englische Konzertagentur war von diesem Erfolg überwältigt und nahm, um dem Chor eine größere Perspektive zu ermöglichen das Angebot der wohl berühmtesten und größten Künstleragentur, Columbia Artists Management in New York an. Schon im Herbst des gleichen Jahres sollte es für sechs Wochen als „Obernkirchen Children‘s Choir“ nach Amerika gehen. Der Erfolg wurde atemberaubend!

Deutsche Botschaft in Washington DC
auf Einladung des niedersächsischen Ministerpräsidenten
Hinrich Wilhelm Kopf
Foto: Archiv Wicklein

Von Columbia wurde ein Pianist gestellt, James Benner, Prof. der Musikhochschule von Morgantown, West Virgina, der die wichtigsten Konzerte auf dem Flügel begleiten sollte. Schnell verliebte er sich inden Chor und war von Edith Möllers Musikalität begeistert. Bis 1968 sollte er der ständige Begleiter auf allen weltweiten Tourneen werden. Soweit bekannt, war in New York City nur ein wagemutiges Konzert in der damals wichtigsten Halle, der Town Hall, vorgesehen, dort, wo im Vorjahr angeblich ein deutsches Orchester ausgebuht wurde. An das eine Konzert wurden innerhalb der drei folgenden Tage vier weitere Konzerte quasi unbeworben nachgeschoben, alle ausverkauft, Menschenmassen standen Schlange.

Prof. Dr. Albert P. Stewart
Purdue Varsity Glee Club, University Indiana
(seit Llangollen 1953 befreundet)
Foto: Archiv Wicklein

Columbia war hingerissen. Sechs Wochen dauerte diese erste Tournee, mit über 30 ausverkauften Konzerten. Die sofort geplante zweite Tournee im folgenden Jahr 1955 war schon am Abflugtag ausgebucht und wurde noch im Flughafengelände auf drei Monate verlängert. Auch diese Tournee wurde wieder – wie alle weiteren – ein Riesenerfolg. Mit dem Verdienst der ersten zwei Amerikatourneen und der vertraglichen Option von zwei weiteren Reisen konnten sich Edith Möller und Erna Pielsticker im Rahmen des neu gegründeten Vereins Schaumburger Märchensänger e.V., eine alte Fürstenvilla an der Georgstraße in Bückeburg (die heutige Musikschule) zunächst für ein paar Monate pachten und 1956 für den Chor kaufen. Bückeburgs Bürgermeister Helmut Preul taufte es später offiziell in „Edith Möller Haus“. Hier wurde endlich auch das ersehnte Kinderheim eingerichtet, welches Edith Möller und Erna Pielsticker bis 1975 leiteten. Dort wuchsen im Laufe der Jahre über 30 Kinder auf.

1975: Live-Fernsehsendung aus der Dortmunder Westfalenhalle – Backstage
Foto: Archiv Wicklein

Nach 1955 sollten 11 weitere, jeweils dreimonatigen Amerika-Tourneen unter der Leitung von Edith Möller folgen – insgesamt dreieinhalb Jahre mit mehr als 700 Konzerten allein in den USA. Andere Reisen nach Fern- und Nahost, Südafrika und Südamerika, sowie innerhalb Europas und vor allem in Deutschland, sind ungezählt und nicht inbegriffen:
– Begegnungen mit den Großen der Welt, John F. Kennedy, Willi Brandt, dem König von Schweden, Walt Disney, Wernher von Braun, Prinzessin Aduldej von Thailand, Eleanor Roosevelt und verschiedenen Präsidenten vieler Staaten
– Auftritte z.B. im ausverkauften Sportpalast in Berlin (mehrmals), Singen im vollbesetzten Plenarsaal der Uno in New York, bis hin zur offiziellen Einladung von Präsident Nixon ins Weiße Haus
– unzählige Fernseh- und Schallplattenaufnahmen, einschließlich des Beroliner Kinofilms „Der fröhliche Wanderer“ mit Rudolf Schock
– viele Ehrenbürgerschaften und unendlich viele Ehrungen durch Universitäten und Hochschulen, Verleihung vieler Orden – einschließlich des Bundesverdienstkreuzes – usw.

Edith Möller starb am 10. Juli 1975 mit 58 Jahren – doch ihre faszinierende Lebensgeschichte, die märchenhaften, einzigartigen Erfolge, ihr wunderbares doch anspruchsvolles und extrem arbeitsreiches Leben, ihr Genie und ihre Persönlichkeit dürfen nicht vergessen werden.

Auszug aus dem Vortrag „100 Jahre Edith Möller“ von Wolfgang Wicklein

Foto: Archiv Wicklein